Verein Dampffreunde der Rhätischen Bahn

Marcel "Marcello" Haudenschild

Lebenslauf von Marcel Haudenschild

Marcel Haudenschild ist am 8. Mai 1943 in Zürich geboren, wo er mit seiner Schwester Antoinette in einer französisch sprechenden Familie aufwuchs.
Nach seiner Schulzeit in Zürich, schloss er eine Ausbildung als Stationsbeamter bei der SBB ab, denn er war von je her ein Bahnfan.
Nach drei Jahren im Bahnberuf entschloss er sich der Heilsarme beizutreten und sich als Offizier auszubilden.
Während seiner Tätigkeit in der Heilsarmee lernte er seine 1. Frau Ruth kennen.
Dem Ehepaar wurden drei Kinder geschenkt, Martin, Ricarda und Patrick.
In seiner Dienstzeit bei der Schweizerarmee als Sanitäter entdeckte er seine Leidenschaft für die Krankenpflege die ihn dazu bewegte, als Hilfspfleger im Kantonsspital Chur tätig zu werden.
1974 führte Marcel Haudenschild mit seiner Frau Ruth für zehn Jahre den Dorfladen in Maladers. Während dessen absolvierte er die Ausbildung zum Krankenpfleger an der Krankenpflegerschule in Chur und arbeitete danach während 3 Jahren als Abteilungsleiter im Kantonsspital Chur.
Im familiären Bereich führten Lebensumstände zur Auflösung seiner Ehe mit Ruth. Trotzdem blieben sie immer im freundschaftlichen Verhältnis.
Da Marcel sein Wissen gerne weiter gab, kam er seinem Bedürfnis nach sich zum Erwachsenenbildner und Lehrer ausbilden zu lassen. Er lehrte dann mit Begeisterung und viel Engagement bis zum Schluss an der Berufsschule für Gesundheits- und Krankenpflege in Chur, wo unzählige Menschen von seinen pädagogischen Fähigkeiten profitierten.
Neben seiner Erwerbstätigkeit engagierte er sich ehrenamtlich in diversen Bereichen.
Er gründete die Genossenschaft Tele Maladers, sowie 10 Jahre später den Quartierverein Kornquader Chur.
Seine grosse Leidenschaft in den letzten 16 Jahren gehörte dem Dampfverein der Rätischen Bahn. Hier bekam Marcel auch seinen legendären Spitznamen „Marcello“. Die zahlreichen Jubiläumsfahrten im letzen Sommer waren für ihn einen besonderen Höhepunkt.
Seit 1997 brachte er im Vorstand der Kirchgemeinde Zizers mit viel Enthusiasmus seine fortschrittlichen Ideen ein.
1995 wurde Marcel mit seiner zweiten Ehefrau Silvia ein neues Glück beschert. Mit ihr zusammen weihten sie vor zwei Jahren ihre neue Wohnung ein, die sie nach gemeinsamen Wünschen eingerichtet hatten.
Durch alle Lebensetappen hindurch pflegte er mit seiner Schwester Antoinette und ihrer Familie eine liebevolle Beziehung. Besonders mit seinem Neffen Raymond hatte er gemeinsame Interessen, wie Bahnfahrten und Blasmusik.
Seine besondere Zuneigung galt seinem dreijährigen Enkel Dario, der seinen „Neni“ oft auf den nostalgischen Zug- und Dampffahrten begleitete.
Nun weiss auch Dario was eine 414 oder 107 ist.

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Nachruf für Marcello am 8. November 2003, Fürstenwald-Friedhof, Chur

 Marcel, Marcello – wir sind traurig, dass Du nicht mehr da bist. Dein plötzliches, schlagartiges Wegtreten stellt uns vor die schreckliche Tatsache, dass wir im Verein Dampffreunde unseren Geschäftsführer und unseren Freund verloren haben.

Liebe Angehörige, liebe Vereinsmitglieder, liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Trauernde:
Seit mehr als 15 Jahre war Marcel im Verein Dampffreunde der RhB als Aktuar tätig.
Wer ihn kannte, weiss, dass wenn er sich für eine Sache verpflichtete, dass er mit Verstand, Herz und Seele dabei war. Als ehemaliger ausgebildeter Eisenbahn-Disponent der SBB wurde ihm der Eisenbahnvirus schon früh in seinem Leben eingepflanzt. Dieser Virus war oft spürbar, musste er doch bei verschiedenen Einsätzen alle seine Ressourcen einsetzen, um mit seinen Vorschlägen im Zusammenhang mit dem Einsatz der Nostalgiezüge durchzukommen.

Im Jahr 1989 ging es mit seiner Arbeit im Verein so richtig los; während der 100-Jahr Feier RhB wurde erstmals das Rätia-Stübli von der RhB eingesetzt und unser Verein erhielt den Auftrag, dieses künftig zu betreuen und zu bewirten. Dank der offenen Art von Marcel, seinem fröhlichen Wesen, dank seinem unermüdlichen Einsatz und seinen Fähigkeiten, gelang es ihm unter Mithilfe einiger Vereinsmitglieder dem Verein eine wichtige Aufgabe zu geben: Der Einsatz und der Betrieb von Nostalgiezügen. In der Folge war Marcel jahrelang im Rätia-Stübli an der Bar im Einsatz, er war besorgt für eine gute Stimmung und gewann während dieser Fahrten regelmässig neue Vereinsmitglieder. Schon bald gehörte die Muttertagsfahrt und der Samichlauszug zu den absoluten Renner im Vereinsangebot.
Mit dem Wachsen der Aufgaben und dem Grösserwerden des Vereins kamen immer mehr administrative Aufgaben dazu. Es gab auch immer mehr zu organisieren und zu koordinieren. Marcel gelang es auch einen guten Draht zu den RhB-Verantwortlichen herzustellen. In der Zusammenarbeit mit Geni Rohner wurden bis zu 40 Einsätze und mehr pro Jahr geleistet. Die Angebote wurden auch immer besser ausgebaut – als absoluter Höhepunkt möchte ich hier die 4-Tages-Fahrt erwähnen. Dank den vielen Kontakten, die Marcel pflegte und seinem riesigen Engagement für die Vereinsaufgaben wurde sein Begehren für eine Geschäftsstelle 1999 durch den Vorstand bewilligt.
Seither war Marcello tagtäglich für den Verein im Einsatz. Es gab kaum einen Moment, da er nicht gefordert wurde, sei es über das Natel oder einen Termin oder auch spontane Begegnungen. Verschiedene Vereinsmitglieder waren oft überrascht, als sie vernahmen, dass er neben dem Geschäftsführerjob auch eine andere 100% Erwerbsarbeitsstelle hatte!
Anlässlich der 25-Jahr-Feier des Vereins fragte ich Marcello während einem Interview für die Jubiläumszeitschrift, was ihn zu diesem grossen Einsatz für den Verein treibt? Er sagte: Für mich gibt es zwei wichtige Hauptaufgaben:
1.      Der Einsatz für den Erhalt des historischen Betriebes ist für mich sehr wichtig: Bei den Nostalgiefahrzeugen sehe ich etwas, ich spüre das Fahren, ich erlebe etwas und ich muss mir bewusst Zeit nehmen.
2.      Der grosse Einsatz für die Administration und den Kundendienst: Für mich ist es eine grosse Genugtuung, wenn die Gäste Freude erleben, wenn sie ein positives Erlebnis haben. Um diese positiven Erlebnisse zu vermitteln, benötigt es viel und aufwendige Vorbereitungen
In der letzten Aussage spürten wir das Wirken von Marcello: Er lebte für den Nächsten – er setzte viel Zeit ein, um anderen Menschen ein Erlebnis zu bieten, um seine Hilfe anzubieten. Ruhelos, fast pausenlos – immer und immer wieder. Seine grösste Freude war, wenn er anderen Menschen etwas Positives mitgeben konnte. Dass ihm dies immer wieder gelang, beweist auch sein letzter aktiver Einsatz als Reiseleiter am letzten Oktoberwochenende. Am Samstag wurde entschieden, dass für die Davoser-Rundfahrt am Sonntag keine Dampflok einsetzt werden darf.  Da sich viele Gäste vor allem wegen dem Dampflokeinsatz für diese Reise angemeldet hatten, stand Marcello vor einer sehr grossen Herausforderung. Auch in dieser schwierigen Situation gelang es ihm, den Gästen ein tolles Erlebnis zu bieten. Am Schluss der Fahrt sagte Marcello, dass fast alle Gäste ein tolles und unvergessliches Erlebnis hatten – dank seiner Vermittlung!
Der Einsatz im Verein Dampffreunde war nicht nur sein Hobby, nein es war eine Art Lebenswerk. Mehr als ¾ der Vereinsmitglieder hat er in den Verein gebracht.
Marcello hinterlässt bei uns eine grosse Lücke, aber er lebt in seinem Werk weiter. Sein Einsatz, seine Philosophie wird im Herzen unserer Mitglieder weiterleben. Marcello: Danke für das, was Du uns gegeben hast, danke für Dein Einsatz. Ciao Marcello.
Silvia und seinen Angehörigen wollen wir vom Verein hiermit unser herzliche Beileid aussprechen. Wir wünschen ihnen viel Kraft.

Hanspeter Wildi, Vorstandsmitglied Verein Dampffreunde der Rhätischen Bahn

Im Anschluss an die Abdankungsfeier versammelten sich viele Mitglieder und Freunde unseres Vereins für einen Abschiedapéro im Rätia-Stübli, das die RhB freundlicherweise auf dem Areal der Arosabahn auf dem Bahnhof Chur hinstellte.

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Nekrolog RhB

Marcel Haudenschild 8. Mai 1943 - 3. November 2003

„Bei einem schweren Verkehrsunfall auf der Nordspur der A 13 bei Trimmis hat ein Motorradlenker am Montagabend kurz vor 20 Uhr tödliche Verletzungen erlitten“. Diese Meldung der Kantonspolizei GR betraf uns dieses Mal ganz konkret! Vor zwei Stunden sass der erwähnte Motorradlenker noch bei mir im Büro und berichtete erfreut über die guten Buchungsstände der kommenden Viertagesfahrt „historic RhB“.
Acht Todesanzeigen in den Zeitungen bezeugen, wie engagiert Marcello Haudenschild war. Sei dies als Fachlehrer am Bildungszentrum Gesundheit und Soziales Chur, als Dirigent der Blasmusik RhB, als Vizepräsident der evang. Kirchengemeinde Zizers, als Vizedirigent der Musikgesellschaft Zizers, als Ehrenmitglied des Schweizer Berufsverband der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner SBK, als Präsident des Verein Ehemaliger der Berufsschule für Gesundheits- und Krankenpflege Chur und last but not least als Geschäftsführer des Verein Dampffreunde der Rhätischen Bahn. Die letzterwähnte Tätigkeit betraf vor allem uns; er war die „Schaltstelle“ im Verein und Marcello gelangte jeweils mit den verschiedenen Anliegen und Wünschen direkt zur RhB.
Marcello Haudenschild ist im Jahre 1978 dem Verein Dampffreunde der RhB beigetreten. Ab 1987 amtete er als Aktuar und ab 1999 als Geschäftsführer. Hier im Verein fühlte er sich sehr wohl und war im Element: Er war die Anlauf- und Buchungsstelle der verschiedenen Erlebnisfahrten (pro Jahr rund 1800 Telefongespräche, 4500 E-mails, 2700 Briefe). Daneben verschickte er auch Souvenirs und organisierte das Catering in den verschiedenen Nostalgiezügen. Als Webmaster betreute er auch noch die Homepage des Vereins (werfen Sie einen Blick auf www.dampfvereinrhb.ch). Und wenn’s sein musste, fand er sich nicht zu schade, Wagen oder ganze Züge zu reinigen. Er war der Macher, die treibende Kraft im Verein. Bei ihm Stand der Gast und die Sache im Mittelpunkt. Für die Umsetzung konnte er aber auch auf die Unterstützung seiner Vereinskameraden rechnen. Es ist schon eindrücklich, wie diese „Feierabend­-Organisa­tion“ im vergangenen Jahr einen sechsstelligen Umsatz an Bahnleistungen generierte.
So gerne stand Marcello als Reiseleiter und Gastgeber in den historischen Zügen (am liebsten natürlich mit Dampftraktion) im Einsatz. In seinem „Rhätia Stübli“ ging manches Fest ab und zahlreiche Gäste verliessen die gesellige Runde als neue Vereinsmitglieder. Wer konnte ihm schon widerstehen, wenn er mit einer Brissago im Mundwinkel um neue Mitglieder warb. Der direkte Kundenkontakt bereitete ihm eine besondere Freude. Als geselliger, offener und sprachgewandter Typ (seine Muttersprache war französisch) konnte er sich mit allen Reisenden bestens unterhalten. Kein Thema, zudem er nichts zu sagen wusste! Und wenn er mit dem Erzählen von Witzen begann, dann war das „Rhätia-Stübli“ viel zu klein bzw. es hatte um die Bar immer zuwenig Plätze...
Anlässlich des vergangenen Jubiläumssommers zeichnete er in den „grünen Zügen“ für das Catering verantwortlich. Jeden Samstag stand er mit seiner Mannschaft (5 Personen) in Chur bereit, um im „Rhätia“- und im „Filisurer-Stübli“ die zahlreichen Gäste zu verwöhnen. Es versteht sich von selbst, dass auch auf Sonderwünsche eingegangen wurde. So bestellten einmal zwei Herren aus dem Zürcher Unterland einen „Eidechsli“ (Aigle Les Murailles) mit Amuse bouche. Via Natel organisierte er die gewünschten Leistungen, die in Filisur direkt an den Zug gebracht wurden! Ebenfalls unvergesslich sind die verschiedenen Anekdoten aus dem Bahnbau der Albulalinie, die Marcello den Gästen während des Aufenthaltes in Stuls mit einem schelmischen Lächeln erzählte.
Dies alles ist nun vorbei! Doch Marcello wird in unseren Gedanken weiterleben und wir werden ihm ein ehrendes Andenken bewahren. „Marcellos Barwagen“ wird weiterrollen .......           

Geni Rohner (RhB)

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Nachruf SBK

Am 3. November 2003 ist Marcel Haudenschild auf der Fahrt nach Hause tödlich verunglückt. Wir alle sind betroffen, war doch Marcel für uns und unseren Berufsverband einen überaus wichtige Persönlichkeit und ein lieber Freund.
Als am 7. Oktober 1978 die SBK-Sektion Graubünden in der heutigen Form gegründet wurde, war Marcel eines der Gründungsmitglieder. Von diesem Tag an war er ununterbrochen für den SBK tätig. Von 1978 – 1982 war er als Kassier für unsere Finanzen zuständig, 1982 wurde er zum Präsidenten der Sektion Graubünden gewählt. Während seiner 14jährigen Amtszeit schaffte er gute Kontakte zu den Bündner Behörden, was zu einer positiven Zusammenarbeit führte.
Den Verband führte er kollegial, zielgerichtet und diplomatisch. Er war sehr extrem aktiv, zuverlässig und begeisterungsfähig und konnte die Vorstandsmitglieder zur Arbeit motivieren. Er setzte sich stets für eine zielgerichtete und eine vernünftige Finanzpolitik ein, weshalb die Sektion in all den Jahren immer einen gesunden Finanzhaushalt aufweisen konnte.
Marcel war hauptverantwortlicher Organisator der beiden „legendären“ weil in jeglicher Hinsicht erfolgreichen Davoser Kongresse in den Jahren 1983 und 1988. Bei aller Arbeit, die ihn als Präsident begleitete, waren sein Humor und seine aufgestellte Art sprichwörtlich.
Ein Jahr nach seiner Demission als Präsident wurde Marcel an der HV 1997 einstimmig zum ersten Ehrenmitglied des SBK Graubünden ernannt.
Von 1999 bis 2002 war er als Revisor und Berater in Finanzfragen tätig. Bis zuletzt vertrat er die Anliegen des SBK GR als Delegierter an der schweizerischen Delegiertenversammlung.
Dabei setzte er sich immer für einen Verband ein, der sich für alle Kategorien der Pflege öffnet.
Von 1994 – 2002 war Marcel Mitglied der Kongresskommission des SBK Schweiz. Seine Erfahrungen mit Kongressorganisationen, seine Disponibilität und grosse Hilfsbereitschaft machten ihn zu einem hoch geschätzten und allseits beliebten Kollegen.
Marcel Haudenschild setzte sich für die Mitmenschen, die Pflege und den Beruf aus innerster Überzeugung ein.
Marcel, wir sind dir zu grossem Dank verpflichtet und halten dich in lebendiger Erinnerung.

Deine Kolleginnen und Kollegen
SBK Graubünden und SBK Schweiz

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Abdankungsfeier für Marcello Haudenschild am 8. November 2003 in Chur, 11 Uhr Predigt: Pfr. Jens Köhre, Zizers

Verse des 36. Psalms:

Herr, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist,
und deine Wahrheit, so weit die Wolken gehen.
Deine Gerechtigkeit steht wie die Berge Gottes
und dein Recht wie große Tiefe.
Wie köstlich ist deine Güte, Gott,
dass Menschenkinder unter dem Schatten deiner Flügel Zuflucht haben!
Sie werden satt von den reichsten Gütern deines Hauses, und du tränkst sie mit Wonne wie mit einem Strom.
Denn bei dir ist die Quelle des Lebens,
und in deinem Licht sehen wir das Licht.

Herr, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist,
und deine Wahrheit, so weit die Wolken gehen.

 

Predigt:

Liebe Trauerfamilie, liebe Trauergemeinde,

Marcello ist tot. Fassungslos stehen wir da. Die Nachricht von seinem Tod war für uns alle ein Schock. Jäh ist Marcello brutal aus dem Leben gerissen worden, aus dem vollen Leben. Am vergangenen Montagabend fuhr er mit seinem Vesparoller auf der Autobahn von Chur nach Zizers. Er kam nicht an in Zizers. Er verunglückte tragisch auf der Autobahn. Dieser unbegreifliche und entsetzliche Unfall hat das Leben von Marcello zerstört. Und unser aller Leben, vor allem aber auch das seiner Familie, wird nicht mehr so sein, wie es war.

Wir können nicht begreifen, warum Marcello so früh und so entsetzlich sterben musste. Da ist Sprachlosigkeit in uns. Da ist unendliche Trauer in uns. Da ist Wut und Klage in uns. Es ist wie ein unwirklicher, schrecklicher Traum.

I. Und vielleicht ist der Abschied von Marcello heute so besonders schmerzvoll, weil wir nicht Abschied nehmen konnten von ihm. Niemand hat doch im geringsten mit einem solchen Unglück gerechnet.

Ich denke an Marcello in der Stunde des Unglücks. Hilflos. Marcello, der mir immer so stark und so kraftvoll und so lebendig, so wach begegnet ist. Einer, der vor Kraft und Leben strotzte. Einer, auf dem man eigentlich nie selbst zugehen musste, weil er doch immer von sich selbst aus schon zu uns kam. Dieser Marcello, wie wir ihn kannten und mochten und wir er uns allen lebendig in Erinnerung ist, liegt hilflos da. Und wir können nichts für ihn tun, ihm nicht zur Hilfe eilen, dem, der selbst der Einsatz und die Hilfsbereitschaft und das Engagement in Person war. Das macht uns heute so ohnmächtig. Wie gerne hätten wir ihm geholfen. Wie gerne hätten wir wenigstens noch unsere Hand auf seine Schulter gelegt und ihm noch gesagt, wie sehr wir ihn schätzen, mögen, ja lieben. Wie gerne hätten wir unsere Hand auf seine Schulter gelegt und ihm gesagt, was für ein einzigartiger und besonderer Mensch er war.

II. Heute können wir nichts anderes tun, als uns dankbar an ihn zu erinnern und Gott zu danken, dass wir unser Leben mit einem solchen Menschen teilen durften. Gewiss – jeder wird sich ganz verschieden an Marcello erinnern. Aber ganz sicher werden die meisten von uns das Bild vor Augen haben, wie er da sitzt mit einer krummen Brisago im Mundwinkel und ein Bier in der Hand.
Er genoss das Leben, dieser unverbesserliche Optimist Marcello. In ihm quoll das Leben. Er war immer aufgestellt, hatte viel Willen und einen großen Ehrgeiz. Das, was er anpackte, das zog er unaufhaltsam und effizient durch auf eine mitreißenden Art und Weise. Und wie konnte er sich schelmisch freuen, wenn ihm etwas gelang! Und mit wie viel freudigen Schmunzeln im Gesicht hätte er uns von seinen Husarenstücken erzählt. So erzählten Sie mir, liebe Trauerfamilie, zum Beispiel, dass Maladers kein Fernsehkabel hatte. Bis zum Meiersboden in Chur war das Kabel gelegt. Nicht weiter. Zum Glück für Maladers wohnte Marcello dort. In einer Nacht und Nebelaktion verlängerte Marcello mit Kollegen das Kabel bis in seinen Volg-Laden.

Ganz verschieden werden wir Marcello in Erinnerung behalten: Wie er auf dem Berninapass an der Wasserscheide vor dem Zug steht und an alle Mitreisenden Champagner austeilt. Bei seinen Zugfahrten – bei seinem Dampfverein – da war er in seinem Element. Wie er stundenlang an einem Miniaturschild für das Spielzeugauto seines Enkels Dario bastelte, so eines, wie er selbst an seinem roten VW hängen hatte. Manche von uns werden ihn wie einen Zug in Erinnerung haben, der unter Dampf steht und ungebremst seinen Weg fährt. Ein Leben auf 180 und unter Volldampf.

Er brauchte kein Namensschild an der Tür seines Klassenzimmers. Man wusste auch so, wo er unterrichtete: Dort, wo man lautes Gelächter vernahm. Viel verlangte er von seinen Schülerinnen und Schülern, wie sie mir erzählten, liebe Trauerfamilie. Und viel nahm man mit nach Hause aus seinem Unterricht.

III. Noch sehr lange wird sein schelmisches Lachen in uns nachklingen und seine so frohen Gesichtszüge vor unseren Augen bleiben. Doch heute müssen wir Abschied von Marcello nehmen. Er wird uns sehr fehlen und an so vielen Orten eine große Lücke hinterlassen, die wir nicht schliessen werden können. Wir werden näher zusammenrücken müssen, um diese Lücke zu ertragen. In den Vereinen, in der Kirchengemeinde, bei der Arbeit, vor allem aber auch seine Familie.

IV. Und in uns bleibt die schmerzende Frage: Warum? Warum sein Tod? Ich kann ihnen keine Antwort geben. Dass wird heute kein Mensch können.

Aber mahnen und aufrütteln muß uns Marcellos Tod: Wie zerbrechlich unser Leben ist. Und wie behutsam und vorsichtig und dankbar wir mit dem Leben umgehen müssen. Und welch großes Geschenk uns Gott gegeben hat mit unserem Leben.

V. „Herr, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist, und deine Wahrheit, so weit die Wolken gehen.“ Diesen Vers aus dem 36. Psalm haben Sie, liebe Trauerfamilie, ausgesucht für diese Predigt. „Herr, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist, und deine Wahrheit, so weit die Wolken gehen.“

Wir werden alle Marcello sehr vermissen. Und das einzige, was wir tun können, ist ihn loslassen. Es gilt nicht, ihn zu vergessen – wie sollte das gehen? – sondern: wir sollen loslassen in Gottes Hände. Marcello war von dem sicheren Vertrauen auf Gottes Güte getragen. Das war sein Glaube, seine Überzeugung. Dieser Güte und Liebe Gottes vertrauen wir nun unseren Marcello an. Dort wissen wir ihn gut aufgehoben. Denn die Güte Gottes –sie gilt uns ja nicht nur hier auf Erden, sondern die Güte Gottes reicht so weit der Himmel ist. Die Güte Gottes – sie gilt uns auch über unseren Tod hinaus. Marcello geht es jetzt gut. Er ist bei Gott. Führen wir uns doch einmal dieses Bild vor Augen, wie sie es mir, liebe Trauerfamilie, erzählt haben: Da ist eine große lange Treppe, mit vielen Absätzen. Am Ende der Treppe steht ein großes goldenes Schloß. Auf jedem Absatz dieser Treppe hatte Marcello Pause eingelegt, war Zeit für eine Zigarre und ein Bier. Jetzt ist Marcello angekommen – jetzt ist er im Schloß. „Herr, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist, und deine Wahrheit, so weit die Wolken gehen.“

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christo Jesu.

Amen.